Freitag, 18. November 2011

Was man so sagt

Als sie lachte, sagte man ihr sie sei kindisch.
Also machte sie fortan ein ernstes Gesicht.
Doch das Kind in ihr blieb, aber lachen tat sie nicht.

Als sie liebte, sagte man ihr sie sei zu romantisch.
Also lernte sie sich realistisch zu zeigen.
Und verdrängte so manche Liebe.

Als sie reden wollte, sagte man ihr darüber spreche man nicht.
Also lernte sie zu schweigen.
Die Fragen, die in ihr brannten, blieben ohne Antwort.

Als sie weinte, sagte man ihr, sie sei einfach zu weich.
Also lernte sie die Tränen zu unterdrücken.
Sie weinte zwar nicht mehr, aber hart wurde sie nicht.

Als sie schrie, sagte man ihr, sie sei zu hysterisch.
Also lernte sie, nur noch zu schreien, wenn niemand es hören konnte,
oder sie schrie lautlos in sich hinein.

Als sie zu Trinken begann, sagte man ihr, das löse ihre Probleme nicht.
Sie sollte eine Entziehungskur machen.
Es war ihr egal, weil ihr schon so viel entzogen worden war.

Als sie wieder draußen war, sagte man ihr, sie könne jetzt wieder von vorne anfangen.
Also tat sie, als beginge sie ein neues Leben.
Aber wirklich leben konnte sie nicht mehr.
Sie hatte es verlernt.

Als sie ein Jahr später sich versteckt zu Tode gefixt hatte,
sagte man gar nichts mehr.
Und jeder für sich versuchte leise das Unbehagen mit den Blumen ins Grab zu werfen.


Kommentare:

  1. Ja... und einfach nur ja...
    "Toller Post"... mir fehlen die Worte!
    LG

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  2. Hallo liebe Petra,
    ein sehr guter Blog, der hoffentlich viele Menschen mal zum Nachdenken anregt! Dieses Einsortieren in Schubladen hat momentan im Netz Hochkonjunktur. Wer sich den Massenbewegungen nicht anschliesst, der ist halt nicht "normal". Für mich ist das NORMAL, was ich persönlich als NORMAL empfinde und nicht das, was uns vorgegeben wird, was "normal" zu sein hat!
    Einen sonnigen Tag wünscht Frieda

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